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Begriffe wie Völkerteilung oder Hochzeitsflug könnten fast schon menschlich interpretiert werden. In Wahrheit jedoch reden wir von der Honigbiene. Sie ist das Zünglein an der Waage der Natur und dennoch nimmt sie sich selbst nicht wichtig! Das einzige Streben der Honigbiene ist, ihren Platz in ihrem Volk einzunehmen und ihre Aufgabe zu erfüllen. Damit schafft die Honigbiene optimale Voraussetzungen für einen funktionalen Staat.

Der Bienenstaat

Wer sich mit Bienen beschäftigt, taucht in eine faszinierende Welt ein. Die westliche Honigbiene lebt in einer hochsozialen Gesellschaft. Sie dient ihrem Volk und sichert damit ihr eigenes Überleben. Eine Biene kann nicht alleine existieren. Sie braucht den Kontakt zu ihren Artgenossinnen. Und das sind in bis zu 50.000, so groß ist ein Bienenvolk in der Hochsaison. Gemeinsam bilden sie einen durchorganisierten Superorganismus.

Die Königin

Im Frühjahr dreht sich erst einmal alles um die Königin. 16 Tage nach der Eiablage schlüpft sie. Schon der Beginn ihres jungen Herrscherinnenlebens ist etwas martialisch. Es kommt quasi zum Königs- oder besser gesagt Königinnenmord. Dabei hilft der ambitionierten Königin ihr Stachel. Sie tötet damit die Konkurrenz. Die stärkste Nachwuchskönigin, Prinzessinnen gibt es im Bienenvolk nicht, setzt sich durch.
Noch raffinierter strickt Mutter Natur am Bienenvolk, um die Arbeiterinnen willig zu halten. Nach dem Ablegen der Eier erfreuen sie sich der Pheromone ihrer Königin. Dieser Stoff unterstützt das Lernverhalten der Arbeiterinnen, hält sie zusammen und unterdrückt die Entwicklung der Eierstöcke. Es kann und darf eben nur eine geben in diesem System. Hormonelle Schwankungen würden das Gefüge stören.
Im Frühsommer schwärmt sie mit Tausenden von Bienen aus, um einer Jüngeren Platz zu machen. Zuvor legt sie im alten Staat Eier für die Nachfolgerin in vorbereiteten Weichselzellen. Die Königin und ihr Volk finden in der Regel in einem unbewohnten Bienenstock ihres Imkers ein neues Zuhause

 

Die Arbeiterin

Die  Königin legt bis zu 2000 Eier pro Tag. Die Arbeiterinnen im Bienenvolk hegen und pflegen die daraus schlüpfenden Larven. Bis zur Verpuppung werden sie gefüttert. Aus dem Kokon schlüpft die Honigbiene. Damit beginnt ihre Karriere im Bienenvolk. Die fängt allerdings erste einmal ganz unten an. Zunächst findet sie ihre Aufgabe als Ammenbiene, muss putzen, den Nektar zu Honig verarbeiten, Pollen einstampfen und Wache halten. Erst die älteren Bienen schwärmen aus, um Nektar zu sammeln. Dann sind sie rund 22 Tage alt und stehen quasi schon am Ende ihres  arbeitsreichen Lebens von insgesamt circa 35 Tagen. Im wahrsten Sinne des Wortes arbeiten Honigbienen bis zum Umfallen. Dabei sind sie mit Sicherheit die schlecht bezahltesten Arbeiterinnen der Welt bei höchster ökonomischer Bedeutung. Honigbienen haben in Deutschland einen bezifferten volkswirtschaftlichen Nutzen von 2,7 Milliarden Euro, weltweit sogar von rund 265 Milliarden Euro, mit eingerechnet die Bestäubungsleistung für Agrarpflanzen. Ohne Biene gäbe es keinen Apfel, keine Birne und insgesamt wäre unser Tisch nicht mehr so reich gedeckt. Sie bestäubt 80 Prozent der  Agrarpflanzen. Die Biene fordert kein Geld für diese immense wirtschaftliche Leistung, wohl aber hat sie Respekt verdient und einen umweltfreundlichen Umgang mit ihr und der Natur.

Quelle Musik: www.musicfox.com

Die Drohnen

Die Drohnen hingegen widmen sich nur einer einzigen Aufgabe: der Befruchtung der Königin. Im Gegensatz zu ihren Schwestern, schlüpfen die männlichen Bienen aus unbefruchteten Eiern. Damit beginnt ihr dramatisches Leben, das fast schon Hollywood Charakter hat: Der tragische Held!
Schlüpft der Drohn aus seinem Ei, ist er zunächst einmal deutlich träger als seine Schwestern. Er lässt sich füttern und stärkt sich für seine Orientierungsflüge. Das ist auch dringend notwendig. Schon mit acht bis zehn Tagen ist er geschlechtsreif. Damit beginnt die Jagd auf eine willige Königin, um sie zu begatten. Drohnen befinden sich in bester und vor allem großer Gesellschaft. An sogenannten Drohnensammelplätzen finden sie sich zusammen und warten auf Königinnen, die sich zu ihrem Hochzeitsflug aufgemacht haben. Sofort starten die Drohnen und kreisen in einer großen Traube um die Königin. Nur zehn bis fünfzehn dürfen sich ihres zwiespältigen Glücks erfreuen, denn das Vergnügen währt allzu kurz.
Im Flug dockt der Drohn von hinten an die Königin an. Er spendet seinen Samen und stirbt. Dabei bleibt das Paarungsorgan meist in der Königin stecken. Die Königin füllt ihre Samenblase mit bis zu 10 Millionen Spermien. Die übrigen Drohnen leben 30 bis 40 Tage. Sie können sich zwar nicht vermehren, aber immerhin fristet ihr Leben dreimal so lang. Alles kann man eben nicht haben. Nach dem Hochzeitsflug folgt die Drohnenschlacht. Den männlichen Bienen wird der Zugang in den Bienenstock verwehrt. Futter gibt es auch nicht mehr und bei ganz hartnäckigen Drohnen, kommt auch schon mal der Stachel einer Arbeiterin zum Einsatz. Immerhin sterben dann beide gemeinsam, Arbeiterin und Drohne – wie gesagt, Hollywoodreif!

Der Honig

Die Biene sammelt Nektar von Blütenpflanzen oder Honigtau von Nadelbäumen. Diese Säfte speichert sie in ihrer Honigblase. Dann geht’s zum Bienenstock. Dort lagert sie die Ernte in Waben ein. Die Stockbienen verarbeiten sie weiter. Bienen sind blütenstet. Das bedeutet, die Honigbiene koordiniert das Sammeln. Hat eine Honigbiene eine lukrative Trachtquelle gefunden, informiert sie ihre Kolleginnen per Tanz darüber und schafft es damit, Himmelrichtung, Entfernung, Ergiebigkeit und Duft zu kommunizieren. Das ist absolut effektiv, weil so alle Sammelbienen mit dem gleichen Ziel starten und einen sortenreinen Honig produzieren können.
Für die Honigsemmel am Morgen legt eine Biene übrigens rund 3000 km zurück. Das ist definitiv etwas weiter als unser Weg zum Bäcker. Für ein Glas Honig umrundet sie fast zweimal die gesamte Erde. Drei- bis viermal pro Saison kann der Imker den Honig seiner fleißigen Helferinnen ernten. Dazu entnimmt er dem Bienenstock die Waben. Mittels Zentrifugalkraft zieht die Honigschleuder den Honig aus den Waben. Der Honig fließt heraus. Vor der Abfüllung wird er gefiltert. 1,4 kg Honig isst jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr. Honig ist ein Genuss für die Geschmacksnerven und er ist das Ergebnis einer heroischen Sammelaktivität der Bienen.

Untrennbar mit der Honigbiene verbunden ist der Imker. TAGWERK Imker leben mit ihren Völkern. Sie wertschätzen, hüten und pflegen sie, weil am Ende nur gesunde Bienenvölker guten Honig produzieren.

Funde weisen darauf hin, dass es erste Bienen schon vor 100 Millionen Jahren gab. Als Bienen und Blüten aufeinandertrafen begann eine Symbiose, die heute unser ökologisches Gleichgewicht sichert. Beide passten sich im Laufe vieler Jahrtausende aneinander an. Blüten bildeten Nektarkelche mit Staubfäden. Bienen entwickelten einen Rüssel, um Nektar und Pollen sammeln zu können. Der korrekte Begriff dafür ist Evolution. Man könnte es aber auch als ein ‚Wunder der Natur‘ verstehen, das es zu würdigen und zu schützen gilt.